Die Allchemie des Gartens, Teil 6 – Oktober – Herbstgarten – Duftgarten & Abendduft

Im Oktober verändert sich der Garten spürbar. Das Licht wird weicher, die Schatten länger, morgens liegt Feuchtigkeit auf den Blättern und abends riecht die Luft plötzlich nach Erde, Holz und fallendem Laub.

Der Garten wird stiller – aber keineswegs langweilig.

Gerade jetzt zeigt sich eine ganz andere Form seiner Allchemie: Nicht mehr die große Blütenfülle steht im Mittelpunkt, sondern Atmosphäre.

Der Herbstgarten spricht leiser.

Und manchmal riecht man ihn sogar, bevor man ihn sieht.

Wenn der Garten seinen Duft verändert

Im Sommer kommen viele Düfte direkt aus Blüten. Im Herbst verschiebt sich das.

Nun mischen sich ganz andere Aromen darunter:

feuchte Erde, Pilze, Falllaub, Holz, reifende Früchte, Samenstände und die ersten kühlen Nächte.

Wer im Oktober abends durch den Garten geht, erlebt deshalb einen völlig anderen Garten als noch einige Wochen zuvor.

Ich mag genau diese Zeit.

Man muss nicht mehr überall etwas tun. Man kann auch einfach stehenbleiben, riechen und beobachten.

Der Kuchenbaum – wenn Laub nach Karamell duftet

Eine meiner liebsten Besonderheiten für einen Duftgarten ist der Kuchenbaum oder Katsurabaum (Cercidiphyllum japonicum).

Sein eigentlicher großer Auftritt kommt nämlich erst im Herbst.

Wenn sich die herzförmigen Blätter verfärben und zu Boden fallen, entwickeln sie einen ungewöhnlichen Duft, der häufig an Karamell, Zuckerwatte oder frisch gebackenen Kuchen erinnert.

Ein Baum, unter dem der Herbst plötzlich nach Küche riecht – sowas liebe ich.

Und genau deshalb gehört Duftgestaltung nicht nur in ein Kräuterbeet.

Silberkerze – Duft über dunklem Laub

Die Silberkerze (Actaea) ist eine wunderschöne Pflanze für halbschattige Gartenbereiche.

Ihre langen hellen Blütenkerzen schweben beinahe über dem Beet. Manche Sorten besitzen zusätzlich dunkles, fast bronzefarbenes Laub.

Ihr Duft kann süßlich und intensiv sein.

Im Abendlicht wirkt sie besonders schön, weil die hellen Blüten regelrecht aus der Dunkelheit herausleuchten.

Damit sind wir schon beim nächsten Thema.

Einen Garten für die Dämmerung pflanzen

Ein Duftgarten muss nämlich nicht nur für den Tag gedacht werden.

Viele Menschen planen ihre Beete danach, wie sie mittags aussehen.

Aber wann sitzen wir eigentlich wirklich im Garten?

Oft abends.

Dann wäre es doch viel sinnvoller, wenigstens einen Teil des Gartens genau für diese Stunden anzulegen.

Ich würde dafür Pflanzen mit drei Eigenschaften kombinieren:

helle Blüten, starker Abendduft und Pflanzen, die sich im Dämmerlicht noch deutlich abheben.

Weiße und cremefarbene Blüten verschwinden abends nicht so schnell wie dunkle Farben.

Sie beginnen fast zu leuchten.

Nachtviole – unscheinbar am Tag, wunderbar am Abend

Die Nachtviole beziehungsweise Nachtduftende Levkoje gehört zu diesen Pflanzen, deren große Stunde erst beginnt, wenn andere längst Feierabend machen.

Tagsüber kann sie beinahe unscheinbar wirken.

Gegen Abend entfaltet sie jedoch ihren süßen Duft.

Genau solche Pflanzen machen einen Abendgarten spannend.

Nicht alles muss permanent um Aufmerksamkeit kämpfen.

Manches darf seine Geheimnisse erst später zeigen.

Ziertabak – Duft nach Sonnenuntergang

Auch Ziertabak (Nicotiana) ist für einen Abendgarten interessant.

Besonders die hellblütigen Formen öffnen ihre Blüten häufig gegen Abend und verströmen dann ihren charakteristischen Duft.

In der Dämmerung wirken die langen Blüten wie kleine helle Sterne.

Ein Platz in der Nähe einer Terrasse oder Sitzbank macht deshalb wesentlich mehr Sinn als irgendwo hinten im Garten.

Denn Duft sollte dort wachsen, wo wir ihn auch wahrnehmen können.

Wichtig: Ziertabak ist keine Nutzpflanze und sollte nicht gegessen werden.

Nachtkerzen – kleine Lampen im Garten

Nachtkerzen haben etwas Besonderes.

Ihre gelben Blüten öffnen sich teilweise innerhalb erstaunlich kurzer Zeit am Abend.

Wer einmal danebensteht und zusieht, versteht sofort, warum ein Garten so viel spannender ist als jede perfekt geplante Dekoration.

Die Blüten ziehen zudem nachtaktive Insekten an.

Und plötzlich merkt man:

Während wir Menschen langsam Feierabend machen, beginnt für andere Gartenbewohner gerade die Schicht.

Duft gehört an Wege und Sitzplätze

Ein klassischer Fehler beim Duftgarten ist, duftende Pflanzen irgendwo zu pflanzen, wo man sie kaum erreicht.

Ich würde Duft vielmehr wie kleine Stationen im Garten verteilen.

Eine Pflanze neben der Haustür.

Eine an der Terrasse.

Eine neben der Bank.

Eine an einem schmalen Weg, wo man mit der Schulter fast die Blätter berührt.

Und vielleicht eine direkt vor einem geöffneten Fenster.

So entstehen keine Duftbomben, sondern kleine Überraschungen.

Herbstduft kommt auch aus Blättern

Nicht nur Blüten riechen.

Gerade im Herbst lohnt es sich, Blätter einmal zwischen den Fingern zu zerreiben oder Falllaub bewusst wahrzunehmen.

Manche Gehölze besitzen aromatische Blätter, andere entwickeln erst beim Verwelken besondere Gerüche.

Dann kommt noch der Geruch von Holz hinzu.

Von feuchter Rinde.

Von Moos.

Von Erde nach Regen.

Der Duftgarten besteht also nicht aus einer Sammlung möglichst stark riechender Blumen.

Er besteht aus Duftschichten.

Auch Früchte gehören in den Duftgarten

Im Herbst kommen Früchte dazu.

Äpfel unter einem Baum.

Quitten.

Trauben.

Überreife Birnen.

Vielleicht eine letzte Feige.

Wer schon einmal an einer Schale voller reifer Quitten vorbeigegangen ist, weiß, dass man dafür keinen künstlichen Raumduft braucht.

Ein einziger Korb kann einen ganzen Raum erfüllen.

Auch draußen tragen Früchte zum Geruch eines Gartens bei.

Lasst im Oktober ruhig etwas stehen

Der Herbstgarten muss nicht sofort aufgeräumt werden.

Samenstände können wunderschön aussehen.

Vertrocknete Blütenstände fangen Tau und später sogar Raureif.

In hohlen Stängeln und zwischen Pflanzenresten finden kleine Tiere Schutz.

Und ein Garten, aus dem im Oktober jedes trockene Blatt entfernt wurde, verliert etwas von seiner Geschichte.

Ich schneide deshalb lieber gezielt statt radikal.

Was stört, kommt weg.

Was schön aussieht oder noch einen Zweck erfüllt, darf bleiben.

Ein Platz nur für den Abend

Wenn ich einen Duftgarten neu planen würde, bekäme er unbedingt einen kleinen Abendplatz.

Eine Bank oder zwei Stühle.

Vielleicht ein heller Steinweg.

Weiße Blüten zwischen dunklem Laub.

Ein paar Pflanzen, die erst nach Sonnenuntergang duften.

Und möglichst wenig künstliches Licht.

Dann kann man dort sitzen, wenn der Garten langsam dunkel wird.

Man hört vielleicht noch einen Vogel.

Später Insekten.

Irgendwo raschelt etwas im Laub.

Und plötzlich erkennt man, dass ein Garten nicht endet, nur weil die Sonne untergeht.

Der Herbstgarten ist kein Abschied

Oktober wird oft als Ende des Gartenjahres betrachtet.

Für mich stimmt das nicht.

Der Garten wechselt lediglich seine Sprache.

Im Frühling ruft er.

Im Sommer überschlägt er sich.

Und im Herbst flüstert er.

Vielleicht nehmen wir ihn gerade deshalb jetzt besonders intensiv wahr.

Die Farben werden wärmer, die Luft klarer und die Gerüche erdiger.

Und wer sich am Abend noch einmal nach draußen setzt, entdeckt eine Seite seines Gartens, die tagsüber beinahe unsichtbar bleibt.

Die Allchemie des Herbstgartens liegt nicht in der Fülle – sondern in Licht, Erde, Stille und Duft.

 

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