Neulich stand ich wieder vor einem Regal und dachte:
Eigentlich ist unsere Lebensmittelkennzeichnung ziemlich merkwürdig aufgebaut.
Bio bekommt ein grünes Siegel.
Bio wird kontrolliert.
Bio braucht Zertifikate.
Bio muss nachweisen, dass bestimmte Regeln eingehalten werden.
Und konventionell?
Das steht einfach daneben.
Als wäre es der selbstverständliche Normalzustand.
Dabei würde mich als Verbraucherin mindestens genauso interessieren:
- Wie wurde dieses Lebensmittel angebaut?
- Welche Pflanzenschutzmittel wurden eingesetzt?
- Wurden Rückstände gefunden?
- Wie stark wurde das Produkt verarbeitet?
- Welche Hilfsstoffe kamen während der Produktion zum Einsatz?
- Stammt es aus einer reinen Bio-Produktion oder aus einer Fabrik, in der auch konventionelle Ware verarbeitet wird?
Bio ist nicht automatisch die kleine heile Welt
Auch das gehört zur Wahrheit.
Bio bedeutet nicht automatisch:
kleiner Bauernhof, Holzkorb und Oma mit Schürze.
Bio-Produkte können durchaus industriell hergestellt werden.
Sie können sogar in Betrieben und teilweise auf Anlagen verarbeitet werden, auf denen auch konventionelle Produkte hergestellt werden.
Natürlich gelten dabei Vorschriften zur Trennung und Reinigung.
Aber wir kennen vergleichbare Situationen längst von anderen Produkten.
Auf veganen Lebensmitteln steht beispielsweise manchmal:
„Kann Spuren von Milch oder Ei enthalten.“
Bei anderen Lebensmitteln heißt es:
„Kann Spuren von Nüssen enthalten.“
Das bedeutet nicht automatisch, dass schlecht gearbeitet wurde.
Es zeigt aber:
Industrielle Produktion ist keine vollkommen abgeschottete Welt.
Und genau deshalb wünsche ich mir mehr Transparenz.
Ich möchte wissen, was ich kaufe.
Warum sehe ich Rückstände nicht?
Besonders interessant wird es bei Pflanzenschutzmitteln.
Bei amtlichen Untersuchungen werden bei konventionell erzeugten Lebensmitteln deutlich häufiger quantifizierbare Pflanzenschutzmittelrückstände festgestellt als bei Bio-Produkten.
Das heißt nicht automatisch:
Das Produkt ist giftig.
Aber für mich heißt es trotzdem:
Da ist ein Unterschied.
Und diesen Unterschied möchte ich beim Einkauf erkennen können.
Warum steht auf einer Packung nicht einfach:
Anbauweise: konventionell
Chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel eingesetzt: ja/nein
Rückstände nachgewiesen: ja/nein
Gefundene Wirkstoffe: X
Keine Panik.
Kein Totenkopf.
Einfach Information.
Vielleicht sogar ein neutrales Rückstandszeichen.
Denn „gesetzlich zulässig“ und „ohne nachweisbare Rückstände“ sind nun einmal nicht dasselbe.
Und ich möchte selbst entscheiden dürfen, was mir wichtiger ist.
Auch die Zutatenliste erzählt nicht immer die ganze Geschichte
Natürlich lese ich Zutatenlisten.
Aber Lebensmittelproduktion ist inzwischen unglaublich komplex geworden.
Aromen, Emulgatoren, Verdickungsmittel, Stabilisatoren, Farbstoffe, Süßstoffe, Konservierungsmittel, Verarbeitungshilfsstoffe – bei manchen Produkten braucht man beinahe ein Wörterbuch.
Und gleichzeitig gibt es Stoffe und Hilfsmittel aus dem Herstellungsprozess, die nicht zwangsläufig vollständig im Zutatenverzeichnis auftauchen müssen.
Da frage ich mich:

Warum machen wir Lebensmittel eigentlich so kompliziert?
Ein Apfel braucht keine Zutatenliste.
Eine Kartoffel auch nicht.
Eine Möhre ebenfalls nicht.
Je weiter wir uns davon entfernen, desto länger wird häufig die Packungsrückseite.
Vielleicht ist genau das unser eigentliches Problem
Wir diskutieren ständig darüber, welche Lebensmittel gesund oder ungesund sind.
Vielleicht müssten wir vorher eine andere Frage stellen:
Warum wird unsere Nahrung überhaupt immer stärker industrialisiert?
Immer mehr Verarbeitung.
Immer längere Wege.
Immer größere Anlagen.
Immer mehr Verpackung.
Immer größere Tierbestände.
Immer größere Felder.
Immer weniger Vielfalt.
Und anschließend benötigen wir wiederum Mittel und Verfahren, um die Probleme dieser Produktionsweise zu kontrollieren.
Das erscheint mir ziemlich widersinnig.
Natur funktioniert nicht als Monokultur
Wer einen Garten hat, kann beobachten, wie unglaublich komplex Natur ist.
Bodenorganismen.
Pilze.
Insekten.
Vögel.
Pflanzen.
Hecken.
Kräuter.
Bäume.
Alles hängt irgendwie zusammen.
Und dann kommt der Mensch und sagt:
Auf 50 Hektar wächst jetzt nur noch eine einzige Pflanze.
Wenn anschließend Krankheiten oder Schädlinge auftreten, versuchen wir, diese wiederum technisch oder chemisch zu kontrollieren.
Vielleicht liegt ein Teil des Problems bereits im System.
Deshalb faszinieren mich Ansätze wie Permakultur, Agroforst, Mischkulturen, Fruchtfolgen, Humusaufbau und natürliche Schädlingsregulation.
Nicht weil sie irgendeine romantische Rückkehr in die Steinzeit darstellen.
Sondern weil sie versuchen, mit natürlichen Kreisläufen zu arbeiten statt ständig gegen sie anzukämpfen.
Und die Bauern?
Auch hier finde ich die Diskussion häufig viel zu einfach.
„Die Bauern spritzen.“
„Die Bauern halten zu viele Tiere.“
„Die Bauern müssten einfach anders wirtschaften.“
So leicht ist es nicht.
Viele landwirtschaftliche Betriebe wurden über Jahrzehnte in ein System hineingedrängt, das immer wieder dasselbe verlangt:
größer,
effizienter,
billiger,
mehr Ertrag,
größere Maschinen,
größere Investitionen.
Und irgendwann hängt der Betrieb an Krediten, Abnahmeverträgen, Förderbedingungen und Weltmarktpreisen.
Dann kann man nicht einfach am Dienstagmorgen beschließen:
Ab morgen mache ich Permakultur.
Deshalb bringt es meiner Meinung nach wenig, Bauern immer neue Vorschriften aufzudrücken.
Man müsste Bedingungen schaffen, unter denen eine andere Landwirtschaft überhaupt wieder wirtschaftlich möglich wird.
Denn billig ist nicht unbedingt billig
Das ist für mich einer der größten Denkfehler beim Einkaufen.
Wir sagen:
Bio ist teuer.
Vielleicht müsste man auch fragen:
Warum ist anderes Essen so billig?
Was kostet ein geschädigter Boden?
Was kostet verschmutztes Grundwasser?
Was kostet Artenverlust?
Was kostet Tierleid?
Was kostet es, wenn bäuerliche Betriebe verschwinden?
Diese Rechnungen liegen nicht neben der Gurke im Supermarkt.
Sie verschwinden irgendwo im Hintergrund.
Deshalb ist der billigste Preis an der Kasse nicht automatisch der niedrigste Preis für die Gesellschaft.
Ich möchte selbst entscheiden
Und genau deshalb geht es mir am Ende gar nicht darum, Menschen vorzuschreiben, was sie kaufen sollen.
Ich möchte das Gegenteil.
Ich möchte, dass wir wirklich wählen können.
Aber dazu müssen wir wissen, was wir kaufen.
Bio wird heute sichtbar gemacht.
Konventionell bleibt weitgehend der Normalfall ohne große Erklärung.
Vielleicht sollten wir das irgendwann umdrehen.
Nicht als Strafe.
Sondern als Information.
Dann könnte auf einem Produkt eben stehen:
Bio
oder
Konventioneller Anbau – folgende Pflanzenschutzmittel wurden verwendet …
Und plötzlich müsste niemand mehr darüber streiten.
Der Käufer könnte selbst entscheiden.
Vielleicht brauchen wir nicht mehr Verbote – sondern mehr Wahrheit auf der Packung
Das wäre mein Wunsch.
Weniger Werbesprüche.
Weniger schöne Bilder von Bauernhöfen.
Weniger Kleingedrucktes.
Dafür klare Informationen darüber,
wie unsere Nahrung wirklich entstanden ist.
Denn ich glaube:
Wenn Menschen wirklich wüssten, wie ihre Lebensmittel erzeugt und verarbeitet werden, würden viele automatisch anders einkaufen.
Und vielleicht würde sich dadurch auch Landwirtschaft verändern.
Ganz ohne erhobenen Zeigefinger.
Bio muss nicht perfekt sein.
Aber vielleicht sollte sich nicht länger nur Bio erklären müssen.
Vielleicht sollten sich endlich alle Produktionsweisen erklären.
